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Hardthöhenkurier 3/2017 Leseprobe

Heer Truppenführung vor dem Hintergrund hybrider Bedrohungen Vorgang sogenannte Heuristiken, also Erfahrungswerte, erworben, die diesen Prozess massiv verkürzen. Probleme werden gelöst, indem möglichst ständig 84 Wissen über komplexe Lagen gesammelt und mit dem eigenen Handeln verglichen wird. Die Kunst ist freilich, handlungsfähig zu bleiben und nicht in grüblerische Selbstreflektion zu verfallen. Eine Entscheidung muss also fallen und, erweist sie sich als unzu- reichend, sollte die nächste unmittelbar folgen. Im deutschen militärischen Denken wird diesen Prozessen Rechnung getragen und das Subjekt stark gemacht. Es tritt weitgehend autonom auf. So kommt zum Beispiel dem Chef des Stabes, in dem sich die Expertise des gesamten Stabes gleichsam sammelt, wie auch der Führungspersönlichkeit des Truppenführers hohe Bedeutung zu. Bindung wiederum ist der ent- sprechende Gegenpol. Sie ist auch eine Maßnahme zur Komplexitätsreduktion und verringert die Intransparenz für eigene Variablen. Bindung erhöht die Kontrolle und verlagert die Bewältigung der Komplexität auf eine höhere Führungsebene. Die eingeschränktere Handlungsfähigkeit nebst geringerer Flexibilität und Reaktionsgeschwindigkeit wird dabei in Kauf genommen. Autonomie gewährt einer niedrigeren Führungsebene Handlungsspielräume und verlagert damit die Bewältigung der Komplexität auf eben diese Ebene. Ein Zuwachs an Flexibilität und Reaktionsgeschwindigkeit geschieht unter Inkaufnahme steigender Intransparenz eigener Variablen. Auch die Möglichkeit der Organisation zur Kontrolle und Steuerung der niedrigeren Ebene verschlechtert sich. Die hohe Autonomie deutscher Truppen- führer steht also nie allein, sondern ist auf den Horizont der Organisation, sprich die Armee, ausgerichtet. Bin- dung und Autonomie spannen als zwei Pole den Raum für das militärische Führungshandeln auf. Situativ wägt der kluge Truppenführer ab und entscheidet für größtmögliche Autonomie oder die notwendige Bindung. Hier sei an Moltkes Zitat erinnert: „Erst wägen, dann wagen“. Es mag zeigen, wie tief diese Wurzel unseres Führungsverständnisses geht. Dabei dürfen jedoch auch die ausführenden Kräfte nicht unberücksichtigt bleiben. Von ihnen wird abverlangt, mit dem gleichen Enga- gement den durch die Autonomie gegebenen Freiraum zu nutzen und gleichzeitig das Verständnis für den Grad der erforderlichen Bindung aufzubringen. Am erfolgreichsten bei der Bewältigung komplexer Aufgaben wird die Organisation sein, die sich situativ im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Bindung jeweils aufgabenbe- zogen neu justiert und damit eine Art „Autonomie höherer Ordnung“ ver- körpert. Fazit: Tradition und Zukunft Der alte Ordnungsrahmen militärischen Handelns ist starken Veränderungen unterworfen. Der hier und da geäußerte Künftig sind militärische Mittel allein nicht mehr als die Wirkungsvollsten anzusehen. Wunsch von Militärs, die Politik möge nur einen konkreten Auftrag als festen Rahmen vorgeben, erübrigt sich nicht nur vor dem Hintergrund hybrider Bedrohungen. Die politisch-strategische Führung agiert in hohen Komplexitätsgraden. Ein Auftrag an das Militär wird daher ebenso kurzfristig gegeben wie dynamisch ausfallen. Was bedeutet das für den Truppenführer im Deutschen Heer? Er muss sein Kernhand- werk beherrschen. Er muss sich darauf einstellen, vom Solisten zum Mitglied in einem Kammermusikensemble zu werden, der das Zusammenspiel aller Instrumente kennt und im Sinne der Partitur mit- und vorausdenkt. Dabei muss er sich die Fähigkeit zur harmonischen Improvisation bewahren. Soll heißen, dass künftig militärische Mittel allein nicht mehr als die Wirkungsvollsten anzusehen sind. Der Truppenführer wird in einem Team spielen müssen, in dem seine Expertise unbedingt gebraucht wird – allerdings oft nicht zum Einsatz kommt. Hier liegt Potential, wenn es gelingt, das als Chance zu begreifen und dazuzulernen. Die Voraussetzungen hierzu haben gerade die deutschen Truppenführer, denn „Führen mit Auftrag“ ermöglicht ihnen Autonomie und schärft gleichzeitig die Einsicht in die Bindekräfte. In dieser Lesart sind hybride Praktiken und auch der Informationsraum lediglich weitere Bindungen, die Truppenführer und Truppe berücksichtigen müssen. © HHK / Archiv HHK 3/2017


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