Page 82

Hardthöhenkurier 3/2017 Leseprobe

Heer Truppenführung vor dem Hintergrund hybrider Bedrohungen hybride Bedrohung den klassischen Rahmen des linearen Krieges als Auseinandersetzung 82 von Staaten mit mili- tärischen Mitteln. So gerät beispielsweise der Informationsraum zu einem eigenständigen Faktor und tritt neben die weithin vertrauten Faktoren: Kräfte, Raum und Zeit. Freilich geht das einher mit einem Bedeutungsver- lust der unmittelbar spürbaren, leiblichen Wirklichkeit. Die mediale Prägung zielt vielmehr nach innen, sie wirkt virtuell in der Sphäre von Befindlichkeiten, Weltanschauungen und Meinungen. Informativer Kampf steuert geistige Botschaften ein und macht Tür und Tor für Propaganda auf. Er wirkt in diesem Sinne weich. Der sogenannte hybride Krieg kann sich also direkt und hart Mann gegen Mann entfalten, aber auch weich und indirekt bzw. beide Formen gleichzeitig oder wechselnd einnehmen. Er beinhaltet auch Aspekte dessen, was vormals unter Partisanenkampf, totalem, asymmetrischen oder nichtlinearen Krieg verstanden wurde. Der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow brachte 2013 die Konsequenzen für die Armeeentwicklung auf den Punkt. Er sprach davon, dass nach der Erfahrung des „Arabischen Frühlings“ von 2010 die Unterscheidung zwischen takti- scher, operativer und strategischer Aktivität sowie die zwischen offensivem und defensivem Handeln, nicht mehr tauge. Weiter oben wurde bereits erwähnt, dass für die politische Führung nicht- militärische Mittel oftmals wirkungsvoller sind als die militärischen. Krieg sei Politik mit anderen Mitteln – so sinngemäß Clausewitz. Das gefällt uns, denn Soldaten sind wichtig und damit bevorzugtes Mittel. Heute müsste man ergänzen: Krieg, ob linear oder nicht, ist Politik mit anderen Mitteln und zwar offiziell. Hier sind die Sol- daten nicht mehr das einzige und auch nicht mehr das wichtigste Mittel der Staatsführung. Sie sind gleichsam von Solisten zum Orchestermusiker geworden bzw. spielen nun auf Augenhöhe in einem Kammermusikensemble. Eine Lektion, die die russischen Truppen- führer mittlerweile gelernt haben? Doch was ist mit denen des Deutschen Heeres? Umgang mit der Komplexität hybrider Bedrohungen: Die Balance von Bindung und Autonomie Komplex sind hybride Bedrohungen bzw. Praktiken allemal. Was aber bedeutet das für den deutschen Truppenführer? Vorweg sei die Be- merkung erlaubt, dass die Bundeswehr einen entscheidenden Vorteil hat, um Komplexität bewältigen zu können. Das Prinzip „Führen mit Auftrag“ versetzt uns in die Lage, in einem opti- malen Verhältnis von Bindung und Autonomie zu agieren. Freilich kann man sich nun fragen, ob diese Tugend überhaupt noch gelebt wird oder ein weitgehend bürokratisierter, juristischer und durch systemische Routinen geprägter Arbeitsalltag nicht längst Funktionäre aus uns gemacht hat. Nun denn, gehen wir einstweilen davon aus, dass das noch nicht geschehen ist! Warum prädestiniert uns „Führen mit Auftrag“? Zumeist reduzieren wir die Komplexität mittels Anwendung erlernter Muster. Wenn der Truppenführer beispiels- weise den Angriff befiehlt, hat er, bewusst oder unbewusst, aus dem Blick ins Gelände und den Lagemeldungen einen weiteren Verlauf des Gefechts durchgespielt und so seinen Entschluss gefällt. Er durchschreitet dabei einen Problemraum und imaginiert ver- schiedene Lösungswege. Im Laufe seiner Ausbildung hat er für diesen Das Prinzip „Führen mit Auftrag“ versetzt uns in die Lage, in einem optimalen Verhältnis von Bindung und Autonomie zu agieren. HHK 3/2017 Der Truppenführer ordnet sich in seinem Team ein, in dem seine Expertise unbedingt gebraucht wird – allerdings oft nicht zum Einsatz kommt.


Hardthöhenkurier 3/2017 Leseprobe
To see the actual publication please follow the link above