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Hardthöhenkurier 3/2017 Leseprobe

Heer Das Heer im Spannungsfeld hybrider Bedrohungen Das Heer im Spannungsfeld hybrider Bedrohungen an der NATO-Nordostflanke Eine hybride Einflussnahme Russlands in den baltischen Staaten erscheint absehbar als das gravierendste Bedrohungspotenzial Ein Beitrag aus der Unterabteilung Militärisches Nachrichtenwesen im Kommando Heer Das Heer hatte kaum Teile der Vorauskräfte des ersten Kontingents der deutsch geführten Battlegroup für Enhanced Forward Presence (eFP) der NATO an den litauischen Stationierungsort Rukla verlegt, als die mehrheitlich aus dem bayerischen Panzergrenadierbataillon 122 stammenden Soldaten bereits Mitte Februar 2017 ohne eine auf Fakten beruhende Grundlage in unmittelbaren Zusammenhang mit einer vermeintlichen Vergewaltigung eines minderjährigen Waisenmädchens aus einer benachbarten Stadt gebracht wurden. Besonnen handelnde örtliche Behörden entkräfteten den per E-Mail lancierten anonymen Vorwurf umgehend als Falschmeldung, so dass das überschaubare, gleichwohl internationale mediale Echo den Vorfall weit überwiegend als „Fake News“ bzw. als Teil einer mutmaß- lichen russischen Desinformationskampagne thematisierte. Auch ungeachtet der bisher ungeklärten 76 Autorenschaft besagter E-Mail scheint es durchaus naheliegend, dass die eigentliche Intention des Vorwurfs darauf abgezielt hat, die deutschen Soldatinnen und Soldaten in Litauen öffentlich in Misskredit zu bringen, um die Akzeptanz von eFP und der NATO in der lokalen Bevölkerung, gegebenenfalls sogar über die Landesgrenzen hinaus zu schmälern. Sollte dies tatsächlich der Fall gewesen sein, so ließe sich der zitierte Sachverhalt plausibel in das Wir- kungsspektrum sogenannte „hybrider Be- drohungen“ einordnen, die spätestens seit der Intervention der Russischen Föde- ration in der Ukraine einschließlich der Krim 2014 nicht mehr nur in Fachkreisen Aufmerksamkeit erfahren, sondern längst als ein relevantes Aktionsfeld durch die Politik erkannt wurde. Worum es sich bei diesem Phänomen handelt, wie es sich äußert und welche Herausforderungen sich hieraus unter anderem für das Heer ergeben, wird nachfolgend skizziert. Im Blickpunkt stehen dabei hybride Bedrohungspotenziale russischer Provenienz, da vor dem Hintergrund der Beteiligung der Bundeswehr an eFP sowie eNRF/VJTF (enhanced NATO Response Force/Very High Readiness Joint Task Force) auch ausdrücklich eine deutsche Betroffenheit gesehen wird. Worin nach russischer Auffassung hybride Bedrohungen bestehen, hat der amtierende Chef des Generalstabs der Streitkräfte der Russischen Föderation, Waleri W. Gerasimow, bereits Anfang 2013 in einer programmatischen Rede vor der Jahresversammlung der Russischen Akademie für Militärwissenschaft erläutert, die gemeinhin als „Gerasimow- Doktrin“ bekannt wurde. Seine Aussagen können komplementär zu den Kerninhalten der offiziellen Militärdoktrin (2014) und der Nationalen Sicherheitsstrategie (2015) als strategisches Konzept verstanden werden, in denen hybriden Kampagnen – die in den russi- schen Originaldokumenten begrifflich so nicht bezeichnet werden – eine zentrale Bedeutung im Kontext moderner Kriegführung mit folgenden Elementen eingeräumt wird: – dem Wirken in einem komplexen Sze- nario, sowohl infolge der bewussten A uflösung rechtlicher Grenzen zwi- schen Krieg und Frieden als auch durch das Verwischen der Führungs- ebenen (taktisch – operativ – strate- gisch); dies geschieht unter Nutzung bestehender bzw. geschürter Kon- fliktpotenziale innerhalb des Ziel- staates oder der betroffenen Region, – einem zentral koordinierten, dabei flexibel-opportunistischen Handeln staatlicher und nichtstaatlicher Ak- teure in einem ressortübergreifenden A nsatz nachrichtendienstlicher, infor- mationeller, politischer, wirtschaft- licher und militärischer Kräfte, Maß- nahmen und Mittel zur Aufrechter- haltung eines permanent hohen operativen Drucks im gesamten Ein- satzgebiet, HHK 3/2017 Zum Wirkungsspektrum sogenannter „hybrider Bedrohungen“ gehört auch bei Verlegungen von NATO-Truppen in ein anderes Land (z.B. Litauen) durch sogenannte Fake-News die eigenen Streitkräfte in Misskredit zu bringen, um die Akzeptanz der NATO in der lokalen Bevölkerung zu schmälern. © HHK / Archiv


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