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Hardthöhenkurier 3/2017 Leseprobe

Marine Ein Statusbericht zur deutschen Schiffbauindustrie „Dabei sparen wir ca. 90 Prozent an Strahlmitteln ein, die früher für vergleichbare Arbeiten notwendig waren“, so Kahl. Mit bis zu 300 Bar Druck werden die Beschichtungen aufgetragen und die Luft in den geschlossenen Hallen bis zu 5-mal in der Stunde ausgetauscht. Dabei werden die verbleibenden Schwebepartikel nach modernsten Umweltschutzstandards herausgefiltert. „Aber trotz der Größe ist es auch eine Werft der kurzen Wege“, macht René Hübner, der Projektleiter des Israelischen Korvettenprojektes deutlich: „Das Engineering, die Projektleitung, die Arbeitsvorbereitung, Produktion, Ausrüster und so weiter – alle notwendigen Gewerke und Abteilungen sind auf der Werft und liegen nahe beieinander“, so Hübner. Das erleichtere Absprachen untereinander und ermögliche schnelle Reaktionen auf manchmal notwendige Anpassungen. Neben diesen Aspekten hat aber gerade der heiß umkämpfte Nischenmarkt der Superyachten eine besondere Anforderung: Man braucht zwingend Innovationen. „Es gibt keinen Eigner, der ein Schiff von der Stange kauft“, erläutert Holger Kahl. „Die Anforderungen an Design, Engineering, Technik, Lebens- qualität auf dem Wasser sind das wesentliche Kriterium. Wer hier nicht regelmäßig in der Lage ist, selbst Inno- vationen zu bieten oder besondere Design-Anforderungen baulich umzusetzen, erhält keinen Auftrag.“ Genau hier entstehen Synergien, denn solche Innovationen lassen sich auch in anderen Projekten nutzen: „In einem der jüngeren Yacht-Projekte haben wir gemeinsam mit dem Motorenher- steller ein Antriebskonzept entwickelt, mit dessen Hilfe wir im Vergleich zu früheren Auslegungen 18 Zylinder einsparen konnten. Ohne ins Detail eingehen zu wollen, aber das sind enorme Potentiale für Gewicht, Verbrauch und damit letzten Endes Kosten“, berichtet Kahl. „Solche Innovationen werden in Zukunft mit Sicherheit auch ihren Weg in den militärischen Schiffbau finden“, ist sich Kahl sicher. Bei NOBISKRUG in Rendsburg erläutert uns Susanne Wiegand, die Co-Geschäftsführerin, das Erfolgsrezept der drei Werften, die sie und Holger Kahl gemeinsam führen: „NOBISKRUG, GERMAN NAVAL YARDS KIEL und LINDENAU – drei Werften, ein Unternehmen, Führung aus einer Hand.“ Alle drei Werften haben ein gemeinsames Management Team, einen Einkauf, eine Personalabteilung, eine Administration. Das Werftgelände in Kiel. © GNYK Und sie greifen gemeinsam auf das Fachpersonal und die technischen An- lagen zurück. Wiegand zu Folge wird die jeweilige Werft-Infrastruktur flexibel und passgenau zu den Kundenbedürfnissen den Projekten zugeordnet. Und aufgrund der kurzen Wege zwischen den drei Werften sei auch ein Austausch und gegenseitige Unterstützung zum Beispiel von Schweißern möglich. „Auch das sind Synergien, die sich auszahlen.“ Es ist offensichtlich: Das Zusammenspiel von besonderen technischen Anlagen, hoher Qualität in der Fertigung, Innovationen, schlankem Management und effektiver Ressourcennutzung hat die Gruppe auf die Erfolgsspur gebracht. Heute hat GERMAN NAVAL YARDS seine Mitarbeiterzahl auf nahezu 1.000 verdoppelt. In diesem Jahr wurde die größte private Segelyacht der Welt, die „Sailingyacht A“ abgeliefert und im vergangenen Jahr zwei Fregatten für Algerien – nach der Rekordbauzeit von knapp drei Jahren – im Auftrag von tkMS fertig gestellt. Vier Korvetten für Israel sind derzeit im Auftrag, und auch im Superyachtbereich wird bereits an einem neuen, ebenfalls spektakulären Projekt gearbeitet. All das spricht für eine gute, hoffnungsfrohe Zukunft der Werftengruppe. HHK 3/2017 109 Eine kurze Unternehmensgeschichte: Als kurz nach der Jahrtausendwende der deutsche Marineschiffbau nach durch- littener Weltwirtschaftskrise konsolidiert und mit der Fregatte F125 regelrecht alimentiert wurde, leitete THYSSENKRUP MARINE SYSTEMS eine bis heute einschneidende Entwicklung in der Branche ein: Der gerade zusammengeschlossene große Verbund tkMS trennte sich von Werften und Standorten, die nach Konzernmeinung nicht mehr in das Portfolio passten. wasserschiffbau“ der ehemaligen HDW- Werft in Kiel in den neuen Unternehmens- verbund aufgenommen sowie 2013 die damals insolvente kleine Traditionswerft Lindenau. Der heutige Blick in die je- weiligen Werfthallen zeigt: Der Einstieg der PRIVINVEST-Gruppe hat sich für die drei Standorte als Glücksfall erwiesen. Hier passiert wieder das, was seinerzeit kein deutscher Investor mehr wagen wollte: Hier werden Schiffe geplant, gebaut und gewartet. Einer dieser Standorte war NOBISKRUG in Rendsburg, eine Traditionswerft, seit 1905 auf dem Markt aktiv und nach einer Neuausrichtung auf den Bau von Superyachten mit einer Länge von mehr als 60 Metern spezialisiert. Der Schiffbauer war 2009 der erste Baustein der heutigen GERMAN NAVAL YARDS Gruppe. Dieses Datum markiert den Beginn des Deutschland-Engagements der im Schiffbau aktiven libanesischen PRIVINVEST-Gruppe. Nur zwei Jahre später wurde der sogenannte „Über


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